Das Porträt über die individuelle Mobilität in der Schweiz.
  • Mobilität der Zukunft

Von Software und Sensoren: ein Blick in die Zukunft der Autoindustrie

meinAUTOgramm wagt mit Prof. Dr. Herrmann eine Zukunftsprognose für die Autoindustrie im Zeitalter der Digitalisierung.

Der Artikel zum Beitrag der Automobilindustrie (LINK) hat bereits einen ersten Blick in die Zukunft der Schweizer Automobilindustrie gewagt. Dieser Beitrag hingegen schürft tiefer: was sind die längerfristigen Auswirkungen der Digitalisierung für Autos und Verkehrs? MeinAUTOgramm hat sich mit Prof. Dr. Andreas Herrmann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, zum Thema ausgetauscht.

Was macht Digitalisierung mit den Autobauern?

Im Allgemeinen ist die Digitalisierung das Überführen von analogen Werten, etwa Büchern, in eine digitale Form, beispielsweise eine PDF-Datei. Da damit Industrien auf den Kopf gestellt werden können, verändern sich laut Prof. Dr. Herrmann auch die Wertschöpfungsketten. Für die Autoindustrie bedeute dies, dass anstelle der wenigen Unternehmen, die seit über 100 Jahren dominieren, kleinere Firmen übernehmen könnten. Diese liefern hochspezialisierte Bestandteile für die Mobilität, etwa Sensoren oder auch Entertainment-Systeme.

«Die Auswirkungen spürt man schon heute massiv! Früher hat man mit der Hardware Geld verdient, heute ist zunehmend die Software und die Sensorik wichtig», so Herrmann. Viele bestehende Unternehmen täten sich damit auch schwer, dass ihr Wissen und ihre Erfahrung aus der Vergangenheit damit kaum noch brauchbar sein könnten.

Digitalisierung als Bedrohung für den Werkstandort Schweiz?

Hierzulande sind vor allem Zuliefererbetriebe stark mit der Automobilbranche vernetzt (LINK) – sie liefern jedoch mehrheitlich Bauteile für Verbrennungsmotoren. Durch die Trendwende hin zum Elektroauto kommen diese natürlich unter Druck. «Der Kern ist der e-Motor, aber das können alle – die Batterie ist das Entscheidende. In Europa haben wir aber nicht mal ein Batteriewerk», erklärt Herrmann. Auch Softwarelieferanten seien für die neue Mobilität gefragt, Getriebe und Verbrenner bereits angezählt.

Daraus ergibt sich für die Schweiz eine gewaltige Konkurrenzsituation: Diese neuen Industriezulieferer sind hochmobil, da sie nicht an grosse Werke gebunden sind. Die Epizentren der neuen Mobilität sind indes aber nicht in der Schweiz, sondern finden sich in Israel, China oder Finnland. «Mit den technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne sowie der hohen Lebensqualität wäre der Schweizer Markt attraktiv für solche Firmen. Was fehlt, ist der politische Mut», meint Herrmann. Die neue Mobilität sei intermodal, also eine Kombination aus Schiene und Strasse – und zur besten Bahn der Welt würde eine Vorreiterrolle in der Mobilität durchaus passen.

Was verändert sich in der Schweiz?

«Sobald grössere Mengen von automatisierten Fahrzeugen auf den Strassen unterwegs sind, könnte ich mir vorstellen, dass einzelne Stadtteile abgeriegelt werden und keine ‘alten’ Fahrzeuge mehr reinkommen», so Herrmann. Die Übergangsphase sei dabei aber die gefährlichste Zeit, der nicht-intelligente Verkehr müsse bald ausgeschlossen werden: «der Übergang muss schnell sein, sonst gibt es unnötige Unfälle.» In der städtischen Infrastruktur (LINK) wird es also Veränderungen geben. Die Fahrzeuge könnten nach erledigtem Transport wieder aus den Städten rausfahren. Strassen und Parkplätze könnten teilweise verschwinden und würden so Millionen von Quadratmetern freigeben.

Die Menschen hingegen würden mit automatisiertem Fahren wohl von Fahrern zu Passagieren werden. Da das Auto weitgehend autonom unterwegs ist, wäre ein Führerschein nicht mehr zwingend notwendig. Der Zugang zu Mobilität wird offener, etwa für Menschen mit Behinderungen, Kinder oder ältere Menschen. Mit automatisiertem Fahren müssen aber auch Konzepte wie ‘shared Mobility’ aufkommen – also etwa Robotershuttles, die mehrere Leute transportieren können. «Wenn alle alleine fahren, hat man nichts gewonnen», so Herrmann.

Was macht man mit der gewonnenen Zeit?

«400 Milliarden Stunden verbringen Menschen weltweit pro Jahr mit Autofahren», sagt Herrmann. Das ist viel Zeit – und damit entsteht auch ein neuer Kampf darum, wie diese Zeit genutzt wird. Man könne im Auto produktiv sein, so Herrmann, etwa mit dem Vorbereiten einer Präsentation oder dem Abarbeiten von Mails. Aber auch die üblichen Verdächtigen aus der Entertainment-Industrie stehen in den Startlöchern und hätten gerne, dass man auf dem Weg zur Arbeit die neueste Folge der Lieblingsserie schaut.

Die Zukunft ist heute

Wie schnell sich automatisiertes Fahren durchsetzen kann, liegt einerseits an der Politik, die sich gegenüber der Technologie öffnen und heute schon Massnahmen ergreifen muss. Andererseits müssen sich die Menschen darauf einlassen – und Menschen sind Gewohnheitstiere, die sich zwar schwer tun mit Wandel, aber auch anpassungsfähig sind. Prof. Dr. Herrmann geht davon aus, dass durch Skaleneffekte die Preise für elektrische und automatisierte Fahrzeuge sinken werden, womit ein Anreiz für den Umstieg geschaffen wird. Wann sich der Verkehr in der Schweiz verändert, ist noch offen – spannend bleibt die Welt der automatisierten Mobilität auf jeden Fall.

Prof Dr. Andreas Herrmann ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen am Institut für Customer Insight und forscht unter anderem zu Verhaltensökonomie und marktorientierter Produkt- und Preisgestaltung. Zudem ist er Visiting Professor an der London School of Economics.

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