Das Porträt über die individuelle Mobilität in der Schweiz.
  • Mobilität der Zukunft

Was autonomes Fahren heute schon kann

Wie weit sind selbstfahrende Autos? 4 Beispiele, die den Stand der Dinge aufzeigen.

Einsteigen, zurücklehnen, Kaffee trinken und das Handy checken, während das Auto von alleine fährt – ist das die Zukunft der Mobilität? Sicher ist: Die Zukunft des Autofahrens ist autonom. Bis dahin sind aber noch viele Hürden zu überwinden. Wo stehen wir heute, was können automatisierte Fahrzeuge bereits und was findet in der realen Welt Anwendung? Ein kleiner Überblick über den Stand der Dinge in der Welt der selbstfahrenden Autos.

Um über automatisierte Fahrzeuge zu sprechen, benötigen wir zuerst eine klare Einordnung. Sind Autos bereits autonom, wenn sie für mich die Spur- oder Distanzhaltung übernehmen? SAE International, eine gemeinnützige Organisation für Mobilitätstechnologie, definiert fünf Stufen des automatisierten Fahrens. Auf Stufe 0 fährt der Mensch eigenständig, ohne Assistenz, in den höheren Stufen übernimmt die Technologie sukzessive mehr Aufgaben:

  • Stufe 1: Assistenzsysteme: Der Fahrer wird in der Längs- oder Querführung unterstützt – beispielsweise durch einen Spurhalte-Assistenten oder Tempomaten.
  • Stufe 2: Teilautomatisierung: Gleichzeitiger Support durch mehrere Systeme, welche die Längs- und Querführung unterstützen (z.B. Spurhalte-Assistent und Tempomat).
  • Stufe 3: bedingte Automatisierung: Das Fahrzeug fährt eigenständig, der Fahrer muss jedoch auf Aufforderung eingreifen und das Steuer übernehmen.
  • Stufe 4: Hochautomatisierung: Das Auto bewegt sich autonom in einem begrenzten Strassenraum. Fahrzeuge dieser Stufe verkehren bereits in der Schweiz: Im Wallis übernehmen selbstfahrende Postautos Transportaufgaben in der Altstadt von Sitten. In Zukunft könnten etwa Autos auf der Autobahn alleine fahren.
  • Stufe 5: Vollautomatisierung: Der Mensch wird zum Passagier. Ein Eingreifen ist nicht mehr nötig. Das Auto ist völlig autonom.

Die meisten Autos, die heute auf Schweizer Strassen unterwegs sind, dürften auf Stufe 1 anzusiedeln sein. Moderne Fahrzeuge erreichen bereits Stufe 2. Die Level 3, 4 oder gar 5 sind indes noch nicht verbreitet und bleiben nicht zuletzt wegen regulatorischer Bedenken noch unerreicht. Die folgenden vier Punkte zeigen den aktuellen Stand der Dinge des automatisierten Fahrens und werfen einen Blick in die Zukunft der Mobilität.

1. Busfahren ohne Busfahrer: die Zukunft des öffentlichen Verkehrs

Bereits seit Sommer 2016 sind autonome Busse in der Sittener Altstadt unterwegs, im Frühling 2018 startete ein Projekt in Schaffhausen und seit Sommer 2019 verkehren solche Busse auch in Bern. Die kleinen Transporter kommen dabei ganz ohne Fahrer aus – eine Begleitperson ist jedoch an Bord und kann bei Bedarf eingreifen.
Die Busse verkehren aus Sicherheitsgründen noch mit sehr tiefen Geschwindigkeiten – das Berner Projekt ist mit maximal 20 Kilometern pro Stunde vergleichsweise speditiv unterwegs. Ein Blick in den grossen Kanton verrät jedoch, dass höhere Geschwindigkeiten nicht unmöglich sind: In Hamburg sind selbstfahrende Busse geplant, die bis 2021 Geschwindigkeiten von bis zu 50 Kilometern pro Stunde erreichen sollen. Der Mobilitätsexperte Alexander Dyskin rechnet damit, dass bis 2030 bis zu 30 Prozent des öffentlichen Nahverkehrs mit autonomen Fahrzeugen bestritten werden können.

2. Sicherheit: Maschine toppt Mensch

Aktuell sind laut Schätzungen des deutschen Automobilclubs ADAC rund 90 Prozent der Verkehrsunfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Mit einem höheren Grad an Automatisierung liesse sich die Zahl der Unfälle demnach drastisch reduzieren. Der Knackpunkt bleibt hierbei die Zuverlässigkeit der Systeme in selbstfahrenden Autos. Zudem werden sich die autonomen Fahrzeuge noch über längere Zeit die Strassen mit nicht-autonomen Autos teilen.

Längerfristig ist jedoch zu erwarten, dass die Strassen durch autonome Autos sicherer werden. Durch die Kommunikation der selbstfahrenden Autos untereinander werden Unfälle vermieden. Menschen können unaufmerksam sein oder am Steuern einnicken – eine künstliche Intelligenz hingegen nicht.

Somit dürfte mit dem Aufkommen solcher Systeme ein Zuwachs an Sicherheit entstehen. Ein Beispiel gefällig? In fast 3 Millionen zurückgelegten Kilometern wurden die selbstfahrenden Elektroautos von Google laut deren ersten Report in nur zwölf Unfälle verwickelt.

3. Ethik-Dilemma: Was geschieht, wenn ein Unfall droht?

Bei der Diskussion zu autonomen Fahrzeugen darf der ethische Aspekt nicht ausser Acht gelassen werden. In einer drohenden Unfallsituation mit Fussgängern müsste die künstliche Intelligenz entscheiden, was höher gewichtet wird – die Unversehrtheit des Wagens und des Lenkers oder die Gesundheit der beteiligten Fussgänger. Man könnte einem autonomen System beibringen, sich so zu verhalten, wie es der Mensch in der Regel tut. Ob dies sinnvoll ist, sei dahingestellt, da auch Menschen nicht notwendigerweise ethisch und moralisch richtig agieren.

Das Auto steht in diesem Fall vor einem sogenannten Trolley-Problem. Dabei muss man sich zwischen mehreren Handlungsoptionen entscheiden, die unterschiedliche, jedoch immer negative Konsequenzen mit sich bringen. Somit gibt es keine richtige oder falsche Antwort – auch Ethiker sind sich uneinig. Es gilt jedoch festzuhalten, dass auch Menschen in solchen Situationen keine durchdachte Reaktion zeigen.

Ein Zufallsentscheid wäre daher laut Patrick Lin, Direktor der Ethics + Emerging Sciences Group an der California Polytechnic State University, eine gangbare Option. Die Beurteilung obliegt letztlich wohl der Politik, den Herstellern solcher Systeme und einer Ethik-Kommission.

4. Weshalb vollautomatisierte Mobilität noch auf sich warten lässt

Im Prinzip lässt sich sagen: Die Technologie für autonome Mobilität ist teilweise da, die Gesetze noch nicht. Das sieht man am Beispiel des Staupiloten, den einige Automobilhersteller bereits gerne anbieten würden. Obwohl der für Staus konzipierte Autopilot dem von der Schweiz ratifizierten Wiener Übereinkommen über den Strassenverkehr entspricht, ist er in der Schweiz nicht zugelassen. Grund dafür ist das Strassenverkehrsgesetz, das vorschreibt, dass der Fahrer die Lenkvorrichtung nicht loslassen darf.

Um von Systemen der Stufen 3, 4 und 5 zu profitieren, müsste zuerst eine Gesetzesrevision vorgenommen werden. In Deutschland ist das Recht bereits etwas weiter. Dort sind solche Systeme zugelassen, solange sie vom Fahrer jederzeit übersteuert werden können.

Autonomes Fahren wird in Zukunft zum Ziel haben müssen, Zuverlässigkeitsbedenken auszuräumen und ethische Fragen zu beantworten. Sind diese Meilensteine erreicht, werden wir vielleicht schon bald nicht mehr selbst Autos fahren, sondern uns von einem Fahrzeug voll automatisiert von A nach B bringen lassen. Dafür benötigt man dann auch keinen Führerausweis mehr – was autonome Autos auch für Kinder oder ältere Menschen zu einer Option für mehr Mobilität machen kann.

Autonom vs. automatisch

Unter automatischen Systemen verstehen wir Systeme, die eine Aktion eigenständig ausführen. Die gesamte Aktion wurde jedoch im Vorfeld programmiert durch Entwickler und ist somit statisch. Verändern sich die Parameter, kann die Aktion nicht mehr durchgeführt werden und das automatische System steht still. Ist hingegen von autonomen Systemen die Rede, sind Systeme gemeint, welche selbständig Entscheidungen treffen können. Sie nehmen also die sich verändernde Umwelt wahr und reagieren auf diese. Autos, die auf ihre Umgebung reagieren und selbständig fahren, sind also autonom. Ein Tempomat hingegen ist automatisch, da er nur das Tempo hält – auf ein auftauchendes Hindernis würde dieser nicht reagieren.

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